Am 20. Oktober 2010 trafen sich 22 Teilnehmer (darunter 2 Amerikaner, 8 Araber und "Deutsch-Araber") zum Dialog. Als Thema haben wir, die Moderatoren, die neuen Debatten um die Thesen von Thilo Sarrazin (
Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. DVA: München, 2010) und die ihnen begleitenden Nebendiskussion in Politik und Medien ausgesucht.
Ich habe die Diskussion mit einer kurzen Einleitung begonnen. Ich habe einige Aspekte der öffentlichen Diskussionen aufgezählt (Thilo Sarrazin und sein Buch, Geert Wilders und seine Islam-Rede in Berlin, Bundespräsident Christian Wulff und seine Reden in Berlin und Ankara, die Äußerungen von Seehofer usw.) und einige Pressemeldung gezeigt. Da die Fersehberichterstattung über Sarrazin fast durchweg negativ war, habe ich einige Presse- und Blogmeldungen angesprochen und Passagen vorgelesen, die seine Thesen positiv aufgriffen. Ich setzte voraus, dass die Kernthesen Sarrazins bekannt sind. Dazu habe ich zwei Themen zur möglichen Diskussion in die Runde geworfen: (1) Opferdiskurse (2) Selbstachtung: Demonstrieren die Deutschen, die sich für alles die Schuld zuschreiben und die Muslime in Deutschland, die sich als Opfer profilieren, Selbstachtung? Diese Fragen wurden allerdings in der darauffolgenden Diskussion nicht aufgegriffen (außer, dass die Muslime immer wieder als Opfer ihrer Umstände vorkamen).
Die in den Medien so hochgeputschten "biologischen" Ideen von Sarrazin, seine Äusserungen zur Genetik und Intelligenz usw. kamen im zweistundigen Dialog nicht zur Sprache. Es ging um andere Themen:
- Aspekte der "Ausländerproblematik" wie Sprachkenntnisse und deren Rolle bei der Integration.
- Das Versagen des deutschen Staates, die Probleme richtig anzugehen (z.B. Sprache zu fördern), Umgang der Behörden mit den Migranten
- Gesellschaftliche Umstände, die die Problematik hervorbringen: Diskriminierung, strukturelle Armut, die problematische Identitätsfrage und die Gruppenzuschreibungen, die die Ausländer "abstempeln" und weder in ihre Heimatländer noch in die Mehrheitsgesellschaft einbinden, die Willkür der Ämter, das System an sich
- Die Geschlechterfrage und Gewalt, wie Männer über Gewalt sich Respekt und Bewunderung beschaffen
- Die Darstellung von Ausländern in den Medien, die Schaffung von Feindbildern. Dazu kam auch eine Meldung, die sowohl den Medien als auch der Politik vorwurf, uns mit Polemik zuzumüllen. Wer redet uns diese Themen ein? Wir sollen mehr miteinander reden und uns nicht auf diese Ablenkungen einlassen.
- Unterschiedliche Formen nationaler Identität (traditioneller Nationalismus auf der Grundlage von Sprache und Territorium vs. Verfassungspatriotismus)
- Die Problematik des Begriffs "Parallelgesellschaft"
- Was ist Tradition in archaischen Gesellschaften und was ist Islam? Ehrenmord sei nicht Teil des Islams, sondern Teil der Tradition.
- Die Lösung von Problemen über Kommunikation und Dialog
- Nach der Pause unternahm ich den Versuch, an meine Ausgangsthemen (Opferdiskurse, Selbstachtung) durch eine Hintertür zu gelangen. Ich fragte die Runde, ob die deutsche Gesellschaft mit ihrem historischen Schamgefühl und ständiger Selbstbezichtigung überhaupt ein lohnendes Ziel für Integrationswillige bietet. Will ein jugendlicher Moslem überhaupt dazugehören, wenn der 3. Oktober tote Hose ist, wenn gerade diejenigen Mitmenschen, die sich dazu bekennen, mit den Ausländern am ehesten friedlich umgehen zu wollen, die ersten sind, die ihre eigene Herkunft verdammen? In den USA ist man dagegen stolz und man bietet dadurch dem Integrationswilligen die Aufnahme in eine Kultur, die sich nicht schämt. Dieser Beitrag wurde mit der Bestätigung erwidert: Deutschland und seine Geschichte sind schrecklich. Guck mal, was der Stolz, ein Deutscher zu sein, uns eingebracht haben: Krieg. Und heute führen die Amis überall Krieg. Es ist nicht Scham, sondern Ernüchterung. Und selbstbewußte, erfolgreiche Menschen würden sowieso keine nationale Identität brauchen. Ob dieses Angebot die Integrationswilligen anspricht, blieb unbeantwortet.
- Später warf ich die Frage in die Runde, was unter folgender Szenario passieren würde: Eine Delegation von deutschen Studenten oder Abiturienten (sagen wir aus einem kirchlichen oder grünen Milieu, friedensbemüht) geht nach Neukölln und trifft sich mit einer Gruppe muslimischer Jugendlicher zum Dialog. Sie diskutieren miteinander die Ursachen von muslimischer Gewalt. Was für Ursachen würden zur Sprache kommen? Wäre das Ergebnis der Diskussion eine Zunahme gegenseitigen Respekts und mehr Verständnis? Ich wollte auf eine Vermutung hinaus: Die Deutschen wären erschrocken und/oder ihre Dialogpartner würden die Deutschen, ihre Fragen, ihre Vorschläge und ihre Angst als Schwäche verachten. Ich weiss es natürlich nicht, aber ich halte einen solchen Ausgang für plausibel. Ein deutscher Teilnehmer ging in diese Richtung als er meinte, ein muslimischer Jugendlicher würde sagen, er schlägt zu, weil er sehen will, wer stärker ist. Dieser Redebeitrag ging aber in einer Geschlechterdiskussion auf. Die in meiner Frage implizierten Unterstellungen an die Deutschen und Araber kamen aber nicht offen zur Sprache.
Kommentar:
* Die Wiedereinführung der alten Dialogregeln war eine gute Idee. Das Miteinander war angenehm und ordentlich.
* Die Diskussion war nicht uninteressant. Man hat es aber wieder erlebt - und die Problematik wurde mir nach dem Dialog angetragen - dass der Dialog für solche Themen schlecht oder nur begrenzt geeignet ist. Ich stimme zu und führe das hier weiter aus. Gesellschaftspolitische Fragen wollen ursachen- und lösungsorientiert diskutiert werden. Dabei geht es um harte Daten: Fakten, Statistiken, Geschichte, Gesetze und Geld usw.. Es geht auch ums "Ganze." Es geht um Grundsätzliches, um Politikansätze, die allgemein wirken oder wirken sollen. Man redet im Allgemeinen, auf einer politischen, Abstrakten Ebene. Einzelbeispiele dienen lediglich der Veranschaulichung. Der Dialog ist das Gegenteil, ein selbstbezogener Ort. Er wirkt am Besten, wenn es um uns selber geht und nicht ums "Ganze." Man will einander kennenlernen. Man will erzählen, wie es einem selber dabei geht, was man fühlt, und erfahren, wie es den Dialogpartnern dabei geht. Unsere persönlichen Erlebnisse stehen dabei im Mittelpunkt.
Die Spannung zwischen diesen zwei Ebenen führt dazu, dass man über die politische Frage als solche nichts oder nur sehr wenig dazu lernt. Wir tauschen unsere mitgebrachten Eindrucke aus. Auf der individuellen Ebene kommt man aber auch nicht weiter - wir reden über das Thema und nicht über uns selbst. Ich musste an ein Zitat von Claudia Roth denken: "Wie soll ich zum Beispiel Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?" Von meiner Dialogerfahrung her gesehen: Wie soll man mit Empfinden überhaupt politisch Vernünftig handeln? Und andererseits - wie soll man den selbstbezogenen Dialog mit demographischen Ziffern führen? Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wir tappen aber trotzdem immer wieder in die gleiche Falle. Wir lassen uns immer wieder auf abstrakte politische Themen ein. Dabei hindert das Dialogformat uns daran, beim politischen Thema wirklich schlauer zu werden während das politische Thema das Erreichen der Dialogziele ebenfalls verhindert.
* Im Hinblick auf die politische Ebene: Ich habe im Laufe der Diskussion mehrfach den Eindruck gehabt, ich hätte meine Einführung auf eine schlichte Darstellung von Sarrazins Thesen über Ausmaß und Ursache der Ausländerproblematik beschränken sollen. Der Umstand, dass niemand auf Sarrazins Genetik-Äußerungen einging, ließ vermuten, dass das Thema Sarrazin gar nicht so präsent war, wie ich zunächst annahm (was vielleicht ein Hinweis auf mangelnde Integration ist!). Hinzu kam ein aus meiner Sicht problematischer Umgang mit dem Thema. Es kamen immer wieder Beispiele und Einwände zur Sprache, die die statistische Realität des "Ausländerproblems" ignorierten. Ich erwischte mich dabei, die Rolle Sarrazins spielen zu müssen. Es geht bei Sarrazin - nach meiner Lesart zumindest - eben nicht darum, alle Ausländer oder alle Muslime als ungebildete Gewalttäter darzustellen oder Kopftuch und Ramadan zu verbieten. Wenn das der Fall wäre, wären einzelne Gegenbeispiele, wie sie im Dialog zur Sprache kamen (Muslime mit Abitur, die Weigerung der Behörden, Asylanten eine Beschäftigung zu erlauben usw.) durchaus relevant. Solche Beispiele tasten allerdings die statistisch gestützten Thesen von Sarrazin nicht oder kaum an, wenn sie nicht verallgemeinbar sind. Beispiel Kriminalität - die Berichterstattung über Muslime, die den Islam oft in Verbindung mit Gewalt zeigt, mag deskrimierend wirken. Es ist ja verständlich, dass Muslime sich dadurch verunglimpft fühlen. Ist das aber die Ursache dafür, dass die Kriminalitätsrate unter ausländischen Muslimen in der Tat (real, statistisch) viel höher als unter Deutschen ist? Der gleiche Einwand gilt für andere Mißstände wie Arbeitslosigkeit, das Scheitern im Bildungssystem usw. Ist wirklich alles nur Medialisierung und Empfinden?