Arabisch-amerikanischer Dialog diskutiert "Diktaturerfarhung"...
Am Mittwoch waren 17 Teilnehmer anwesend, von denen drei Amerikaner und vier Araber waren. Das Thema war "Diktaturerfahrung". Für die Einleitung begnügte ich mich mit einem groben Umriss der Vielfalt politischer Regime in den arabischen Staaten und der Feststellung, dass ein Modell, wonach die arabischen Staaten alle als "Diktaturen" und alle westlichen Staaten als lupenreine "Demokratien" bezeichnet werden, sicherlich nicht zufriedenstellend wäre. Dennoch seien die arabischen Staaten im Allgemeinen weniger demokratisch als die Staaten des Westens.
Die Diskussion begann mit den persönlichen Erfahrungen zweier älterer deutscher Teilnehmer, die als Kinder das Dritte Reich noch erlebt hatten. Sie erzählten von der damals gedrückten Stimmung unter den Erwachsenen, von den Gefahren und von den Ursprüngen des totalitären Systems.
Die Frage des Ursprungs der Diktatur blieb allerdings nicht bei den üblichen Verdächtigten – dem Versailler Vertrag, der Weltwirtschaftskrise, dem Antisemitismus usw. – sondern wurde gleich in der Runde verallgemeinert. Die Teilnehmer erörterten die Ursprünge der Diktatur – nicht der Nazidiktatur, sondern Diktatur an sich – und gingen auch der Frage nach, was man eigentlich unter Diktatur überhaupt zu verstehen hat. Dabei kamen einige Themen und Ideen immer wieder zur Sprache, die ich hier thematisch bündele, da die Diskussionsfäden durcheinander gingen:
- Die Unterschiede und – noch wichtiger – die Ähnlichkeiten politisch-gesellschaftlicher Systeme. Anhand einiger Beispiele aus der Gegenwart wurde das "Diktatorische" in der Demokratie diskutiert, etwa die Manipulierbarkeit der Menschen durch die Medien, die Abneigung derjenigen, die an der Macht sind, vom Schuldirektor bis hin zum Präsidenten, wirklich demokratische Entscheidungsprozesse zur Geltung kommen zu lassen,
- Die Verantwortung der Machthaber am Gelingen eines Systems. Die Möglichkeit einer gütigen Monarchie kam ebenso zur Sprache wie das Kriegspotenzial demokratischer Staaten, auch gegen den Willen der eigenen Bevölkerung. Die halb-monarchischen skandinavischen Staaten kamen mehrfach zur Sprache. Teil dieser Diskussion war ein spannender Moment, als ein arabischer Teilnehmer die guten Züge von Saddam Husseins Herrschaft hervorhob: die Einführung der kurdischen Selbstverwaltung und Kulturautonomie, die massiven Investitionen in Infrastruktur und Bildung und der resultierende relative Wohlstand usw. Die Widerrede kam prompt: Genauso hatte man über Hitler gesprochen, der ja die Autobahn gebaut und die Arbeitslosigkeit abgeschafft habe.
- Die Stelle der Freiheit. Es wurde festgestellt, dass die Freiheit nicht das krasse Gegenteil der Diktatur ist. Es gibt unter jeder Diktatur Freiheiten und in jeder Demokratie erhebliche Einschränkungen. Die Rolle der USA und deren Anspruch, ein Vorbild der Demokratie und der Freiheit zu sein, wurde auch einige Male und eher kritisch erwähnt.
- Als Unterschied zwischen diktatorischen und demokratischen Staaten wurde die Rechtsstaatlichkeit betont. Sogar dies erlebte jedoch eine Relativierung, da es auch in Diktaturen nicht immer gänzlich willkürlich und unter Demokratien nicht immer fair, gerecht und nach dem Gesetz vorgegangen wird. Hier habe ich gehofft, dass die Araber von ihren Erfahrungen mit dem deutschen Rechtsstaat oder von der erlebten Willkür in Deutschland oder in ihren jeweiligen Heimatländern erzählen würden. Dies würde jedoch nur angedeutet.
- Ein Thema gegen Ende des Abends war die Rolle der Wirtschaft als Zwangssystem und die Rolle des Staates dabei.
Einige Stimmen waren am Schluss über die Gesamtsituation in der Welt trotz des eher pessimistischen Grundtons der Diskussion eher optimistisch eingestellt. Wir hatten ja allerlei Gründe erörtert, warum wir alle unter diversen politischen und wirtschaftlichen Zwängen leben. Dennoch seien einige globale Trends nicht zu vernachlässigen. Gemeint waren Faktoren wie das Wahlergebnis in den Vereinigten Staaten und die Umbruchstimmung in Lateinamerika. Es blieb keine Zeit, auf diese Trends inhaltlich einzugehen oder kritisch zu durchleuchten.
Kommentar: Ich war enttäuscht, dass die Diskussion auf einem derart abstrakten Niveau geführt wurde. Es gab einige persönlichen Beispielen, wie die Geschichten aus der Nazizeit und einigen Anekdoten aus dem jetzigen Leben. Dennoch haben die Araber, von denen einige unmittelbare Diktaturerfahrungen gemacht haben, zum größten Teil dazu geschwiegen. Ist dies selbst ein Ergebnis der Diktatur? Spätestens dann, als vor ein paar Jahren einige Araber Angst davor hatten, dass ein Vertreter der U.S.-Botschaft mit in der Runde saß, wurde uns klar, dass unsere unterschiedlichen Erfahrungen nicht nur den Stoff für unterschiedliche Erzählungen liefern, sondern auch den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen diese Geschichten überhaupt abgebildet werden können.
Da Diskussionsbedarf weiter besteht, haben wir uns entschieden, das Thema im April fortzusetzen.
Die Diskussion begann mit den persönlichen Erfahrungen zweier älterer deutscher Teilnehmer, die als Kinder das Dritte Reich noch erlebt hatten. Sie erzählten von der damals gedrückten Stimmung unter den Erwachsenen, von den Gefahren und von den Ursprüngen des totalitären Systems.
Die Frage des Ursprungs der Diktatur blieb allerdings nicht bei den üblichen Verdächtigten – dem Versailler Vertrag, der Weltwirtschaftskrise, dem Antisemitismus usw. – sondern wurde gleich in der Runde verallgemeinert. Die Teilnehmer erörterten die Ursprünge der Diktatur – nicht der Nazidiktatur, sondern Diktatur an sich – und gingen auch der Frage nach, was man eigentlich unter Diktatur überhaupt zu verstehen hat. Dabei kamen einige Themen und Ideen immer wieder zur Sprache, die ich hier thematisch bündele, da die Diskussionsfäden durcheinander gingen:
- Die Unterschiede und – noch wichtiger – die Ähnlichkeiten politisch-gesellschaftlicher Systeme. Anhand einiger Beispiele aus der Gegenwart wurde das "Diktatorische" in der Demokratie diskutiert, etwa die Manipulierbarkeit der Menschen durch die Medien, die Abneigung derjenigen, die an der Macht sind, vom Schuldirektor bis hin zum Präsidenten, wirklich demokratische Entscheidungsprozesse zur Geltung kommen zu lassen,
- Die Verantwortung der Machthaber am Gelingen eines Systems. Die Möglichkeit einer gütigen Monarchie kam ebenso zur Sprache wie das Kriegspotenzial demokratischer Staaten, auch gegen den Willen der eigenen Bevölkerung. Die halb-monarchischen skandinavischen Staaten kamen mehrfach zur Sprache. Teil dieser Diskussion war ein spannender Moment, als ein arabischer Teilnehmer die guten Züge von Saddam Husseins Herrschaft hervorhob: die Einführung der kurdischen Selbstverwaltung und Kulturautonomie, die massiven Investitionen in Infrastruktur und Bildung und der resultierende relative Wohlstand usw. Die Widerrede kam prompt: Genauso hatte man über Hitler gesprochen, der ja die Autobahn gebaut und die Arbeitslosigkeit abgeschafft habe.
- Die Stelle der Freiheit. Es wurde festgestellt, dass die Freiheit nicht das krasse Gegenteil der Diktatur ist. Es gibt unter jeder Diktatur Freiheiten und in jeder Demokratie erhebliche Einschränkungen. Die Rolle der USA und deren Anspruch, ein Vorbild der Demokratie und der Freiheit zu sein, wurde auch einige Male und eher kritisch erwähnt.
- Als Unterschied zwischen diktatorischen und demokratischen Staaten wurde die Rechtsstaatlichkeit betont. Sogar dies erlebte jedoch eine Relativierung, da es auch in Diktaturen nicht immer gänzlich willkürlich und unter Demokratien nicht immer fair, gerecht und nach dem Gesetz vorgegangen wird. Hier habe ich gehofft, dass die Araber von ihren Erfahrungen mit dem deutschen Rechtsstaat oder von der erlebten Willkür in Deutschland oder in ihren jeweiligen Heimatländern erzählen würden. Dies würde jedoch nur angedeutet.
- Ein Thema gegen Ende des Abends war die Rolle der Wirtschaft als Zwangssystem und die Rolle des Staates dabei.
Einige Stimmen waren am Schluss über die Gesamtsituation in der Welt trotz des eher pessimistischen Grundtons der Diskussion eher optimistisch eingestellt. Wir hatten ja allerlei Gründe erörtert, warum wir alle unter diversen politischen und wirtschaftlichen Zwängen leben. Dennoch seien einige globale Trends nicht zu vernachlässigen. Gemeint waren Faktoren wie das Wahlergebnis in den Vereinigten Staaten und die Umbruchstimmung in Lateinamerika. Es blieb keine Zeit, auf diese Trends inhaltlich einzugehen oder kritisch zu durchleuchten.
Kommentar: Ich war enttäuscht, dass die Diskussion auf einem derart abstrakten Niveau geführt wurde. Es gab einige persönlichen Beispielen, wie die Geschichten aus der Nazizeit und einigen Anekdoten aus dem jetzigen Leben. Dennoch haben die Araber, von denen einige unmittelbare Diktaturerfahrungen gemacht haben, zum größten Teil dazu geschwiegen. Ist dies selbst ein Ergebnis der Diktatur? Spätestens dann, als vor ein paar Jahren einige Araber Angst davor hatten, dass ein Vertreter der U.S.-Botschaft mit in der Runde saß, wurde uns klar, dass unsere unterschiedlichen Erfahrungen nicht nur den Stoff für unterschiedliche Erzählungen liefern, sondern auch den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen diese Geschichten überhaupt abgebildet werden können.
Da Diskussionsbedarf weiter besteht, haben wir uns entschieden, das Thema im April fortzusetzen.
mhatlie - 19. Mar, 17:43 Topic: Arab-American Dialogue http://hatlie.twoday.net/stories/5662213/
