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Monday, 24. November 2008

Arabisch-amerikansicher Dialog ab 2009...

Ich "publiziere" folgende Überlegungen, ohne, dass ich dies vorher mit Penny, Muhannad oder anderen Dialogteilnehmern abgesprochen habe und bitte um Stellungnahmen als "Kommentar" hier im Blog oder bei der Diskussion im Dezember. Dies soll als Vorschlag, als Diskussionsgrundlage dienen, und keinesfalls als fester Vorsatz.

Meine Vision für den Dialog wäre es, jeden Abend mit einem etwas aufwändigeren Einstieg zu beginnen und dabei uns nicht zu scheuen, den Teilnehmern mehr zu kauen zu geben. Meine schönsten Erinnerungen und Erfahrungen im Dialog waren die Abende, wo die Themenvorgaben konkret waren oder die Diskussionsinhalte eine Weile stehen blieben:

- die Diskussion über das amerikansiche Erntedankfest und das arabische Fasten

- die Diskussion über die Erzählung von Abraham und Ismael / Abraham und Isaak. Die Geschichte ist einfach, aber sie hat in den zwei, drei Kulturen, mit denen wir zu tun haben, einen ganz anderen Stellenwert. Die Diskussion war super.

- die Erzählungen der Iraker über ihre Erfahrungen in der Heimat (die Wahlen, die Zerstörung, die Entstehung der ethnischen Animositäten unter Kriegsbedingungen usw.)

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wird es mein Bestreben sein, konkretere Themen als bisher vorzugeben und mit konkreterem "Stoff" einzuleiten. Dies könnte sein:

* Ein Araber oder ein Amerikaner (Frauen sind selbstverständlich mitgemeint) stellt sich vor. Über 10 bis 20 Minuten beschreibt diese Person ihre Heimat, ihr Aufwachsen, ihre Familie, usw. Bilder oder Landkarten wilkommen.

* Kurze Lesungen aus der amerikanischen oder arabischen Literatur. Ich habe schon einige Ideen aus der Essayistik beider Kulturen und aus Reiseberichten. Ich neige dazu, Texte zu suchen, die als urtypisch oder überraschend (zumindest für die andere Kultur) untypisch gelten können. Märchen oder Witze sind auch denkbar. Ich habe erst in Russland wirklich gespürt, dass andere Kulturen über ganz andere Dinge lachen.

* Zu politischen Themen, die meines Erachtens wichtig bleiben aber dennoch nur selten vordergründig sein sollen, soll im Voraus mehr Details, mehr Kontext, mehr "Wissen" zur Verfügung gestellt werden. Ich würde dabei auch gerne mal ausführlicher über die Politik in den arabischen Ländern erfahren. Wir haben das U.S.-System immer wieder auf und 'runter dekliniert. Wie lebt sich es mit Mubarek oder Assad?

* Bilder (Kunst, Fotografie, oder gar gemeinsam malen?)

* Spiele (Spielen Araber "Scharaden"?)

In jedem Fall gilt es natürlich, Vorsicht walten zu lassen. Es müssen Einführungen sein, die in deutscher Sprache, relativ leicht verdaulich, und in 5 bis 15 Minuten vorgetragen werden können. Es können Kopien verteilt, aber es dürfen keine "Hausaufgaben" aufgegeben werden, und die vermittelte Materie muss für verschiedene Gesprächsmöglichkeiten "offen" sein ("open ended"). Mit der Vorgabe konkreterer Themen verbindet sich die Gefahr, die bisherige offene Form einzuengen. Das Ziel wäre es, durch eine gewisse Einengung, an Schärfe zu gewinnen, ohne aber dabei so eingeeingt werden, dass an einem Abend die Ideen ausgehen. Ich bin durch meine bisherige Laufbahn viel eher mit Diskussion als mit "Dialog" vertraut. Ich bin mir aber dessen bewusst und möchte keinesfalls zu revolutionären Veränderungen aufrufen.

Das Einführungsmaterial oder Thema muss so sein, dass es durch die Erfahrung der Teilnehmer ergänzt und diskutiert werden kann. Das war der Vorteil der allgemeineren Themen bisher. Keinesfalls kann es dazu kommen, dass alles, was diskutiert werden kann, schon in dem "Vor-Trag" mitgeliefert wird. Als Beispiel können zwei Themenideen hier angeschnitten werden.

(1)
Es gibt einige Artikel und Bücher anhand deren man die amerikanische Reaktion auf Sputnik im Oktober 1957 präsentieren könnte. Einer von uns könnte vielleicht ähnliche Quellen für die Situation in den arabischen Ländern ausgraben. So hätten wir zwei nette Beiträge, die einiges über die zwei Kulturen im 20. Jht. aussagen. So etwas wäre für eine akademische Veranstaltung sehr interessant, meine ich. Aber für den Dialog würde ich das Thema für ungeeignet halten. Einige Teilnehmer können sich an Sputnik erinnern und jedes dramatische Ereignis lässt sich mit Erfahrungen irgendwie vergleichen (z.B. mit dem 11. September). Dennoch kommt mir das Thema für den Dialog zu historisch und zu verkopft vor.

(2)
Nehmen wir jedoch Textausschnitte von arabischen und amerikanischen Autoren der jeweiligen "Renaissance" (1840-1860 in den USA; Nahda, 19.-frühes 20. Jht. in Arabien) haben wir dagegen Texte, deren kulturellen Zusammenhang man kurz erläutern kann, aber, die auch für sich stehen können und Themen anschneiden, die uns heute noch bewegen. Thoreau oder Emerson, Kawakibi oder Aflaq oder gar der noch lebende Autor Adonis (Ali Ahmed Said) sind Autoren, die nicht so sehr an ihre Zeit gebunden sind. In der Tat erreichten Autoren wie Thoreau oder Kawakibi ihre grösste Wirkung erst viel später, nach ihrem Tod. Man könnte sie so präsentieren, dass Stoff für einen Dialog entsteht, ohne sich dabei in historischen Details zu verlieren. Es geht dabei um Sinnbilder, Nation und Politik, Unterdrückung und Freiheit, Religion, Natur, Freundschaft - ewige Themen.

Arabisch-amerikansicher Dialog im November 2008 im Zeichen Obamas und...steht der Dialog vor dem Ende?

23 Teilnehmer kamen zum d.a.i. zum arabisch-amerikanischen Dialog am 16. November. Leider war von amerikanischen Teilnehmern kaum etwas zu spüren - wir waren nur zwei, die Moderatorin und ich. Es waren sieben Arabisch-stämmige unter den Teilnehmern.

Das Thema sollte zur Wahl gestellt werden. Es gab Stimmen sowohl für "Was erwarten wir von Obama?" als auch, "Was können die westliche und die muslimische Welt tun, um ihrem Wut auf einander zu entkommen?" Wir fingen mit Obama an und der Übergang zu einer allgemeinen Diskussion zum neuen Ost-West Konflikt war fließend.

Eine junge Araberin began die Diskussion über Obama mit einem Bericht über ihre Reise in die USA. Sie erzählte, wie überrascht sie von den Amerikanern war, wie gesprächs- und kontaktfreudig und wie freundlich und hilfsbereit sie wirkten. Dies alles entsprach überhaupt nicht dem Bild, das sie von den USA über die Schule vermittelt bekam - das von der amerikanischen Aussenpolitik geprägte Bild der arroganten, ignoranten Supermacht. Sie wurde über das Niveau der dortigen Ausbildung gefragt und verglich die High School mit dem deutschen Abitur (aber nicht mit der Haupt- oder Realschule). Gefragt, ob sie dort leben könnte, wo die Frauen "halb nackt" herumlaufen, erzählte sie davon, wie ihre Eltern schon aus zwei Kulturkreisen stammen (Araber und Berber) und immer auf Offenheit und Flexibilität Wert gelegt hätten.

Danach ging es dann doch um den Obama. Ein Araber meinte, seine Wahl hätte schon jetzt den Wut der Araber z.T. schon besänftigt. Gerade die Bereitschaft nicht nur über den Iran, sondern sogar mit dem Iran zu reden, hat schon ein Zeichen gesetzt. Er hoffe auf Zusammenarbeit. Er erzählte, dass seine Eltern eigentlich nie viel von den Amerikanern gehalten oder viele Hoffnungen auf Amerika gesetzt hätten. Dieses mal, meinte er, sei das anders.

Dann gab es eine etwas frustrierende Diskussion darüber, ob Obama bei Muslimen überall auf der Welt eigentlich als Muslim oder, eigentlich, als Abtrünniger gelten soll. Es stehe im Koran, dass einer, der einmal Muslim gewesen ist, aber dem Glauben den Rücken kehrt, mit dem Tode bestraft werden soll. Die anwesenden Araber hielten die Frage für mußig oder bestreitbar. Es ging um die religiöse Herkunft und Auslegungen verschiedener Varianten des Islams. Die Gefahr eines Attentats durch rassistische Amerikaner wurde aus angesprochen.

Danach sprachen wir über den Wahlkampf. Ein Araber fragte, wieso es in der amerikanischen Öffentlichkeit als schlecht gelte, mit dem Islam zu tun zu haben. Rassismus im Wahlkampf hatte ja auch eine Rolle gespielt. Da ergriff ich das Wort und gab zu, dass solche Faktoren mit schwingen. Dennoch, so meine Rede, stimmt die Richtung. Mehr Weisse hätten für Obama gestimmt als für irgend einen Demokraten seit 1976. Die Richtung, die Tendenz stimmt. Frankreich oder Schweden sollte uns das erstmal nachmachen. Die Amerikanerin, die im Süden aufgewachsen ist und immer noch dort zu Besuch fährt, betonte, dass der Rassismus weiterbestehe. Andere erwähnten die Möglichkeit, die schon Collin Powell bestanden hatte. Darauf folgte ein kurzes Gespräch über Obama's Rasse und die Rolle seiner Frau. Seine Soziale Herkunft und seine internationale Erfahrung und seine Lernfähigkeit kamen auch zur Sprache.

Mehrere Teilnehmer druckten ihre Hoffnung aus - Hoffnung in Obama, Hoffnung, dass damit Amerika sich wandelt. Es kam auch kritische Stimmen hoch, die meinten, das System ist wahrscheinlich so korrupt und träge, dass nicht viel passieren wird. Ein deutscher Student war der Ansicht, dass, wenn Obama irgendwie scheitern soll, das Vertrauen in die USA auf lange Zeit dahin sein wird. Wenn so einer es nicht schafft, wer dann? Jedenfalls waren alle in der Runde, die Araber ganz besonders, der Meinung, dass Obama uns nicht "retten" kann. Er ist eben kein Messias.

Obama's Auftritt vor dem AIPAC und seinen nur sehr kurzen Besuch in Palästina waren auch Thema. Da waren die Araber geteilter Meinung. Die einen sahen darin ein Zeichen, dass sich nichts ändert. Andere meinten, das seien doch nur Riten, der jeder Kandidat absolvieren muss. Interessant fand die Runde, dass Obama in allen Ländern der Welt der populärere Kandidat war - ausser in Israel.

Die Möglichkeiten, Obama und überhaupt die Regierung der Vereinigten Staaten zu beeinflussen, kamen in abstrakter Form zur Sprache. Es gebe ja in den Staaten jetzt eine breite Friedensbewegung z.B., die jetzt nicht aufgeben durfe, im Gegenteil mussten alle weitermachen und Gehör verschaffen. Obama wirkt wie einer, der zuhört.

Der Australier in der Runde fragte, ob der Sieg Obamas die Glaubwürdigkeit der Terroristen untergraben hätte. Al Qaeda würde behaupten z.B., dass die USA dem Islam den Krieg erklärt hätte. Die anwesenden Araber wollten das nicht ernstnehmen. Irgendwelche derartigen Behauptungen seitens al Qaeda würden keine wesentliche Rolle spielen. Ferner hätte der Terrorismus im Wahlkampf keine wesentliche Rolle gespielt. Eine kritische Stimme meinte, die USA könnten doch gar nicht in einem friedlichen System existieren und die Wirtschaftskrise würde ihm sowieso die Hände binden. Und hinter ihm würde ja ein mächtiges Lobby stehen.

No more AA-Dialogue?

Nach der Pause wurde bekanntgegeben, dass der arabisch-amerikansiche Dialog mit dem Ausscheiden der jetzigen Moderatorin in ihrer Rolle zuende gehen würde. Das wurde von der Leitung des d.a.i.s und des Vereins Arabischer Akademiker entschieden, nachdem die Moderatoren auch den Eindruck hatten, der Dialog hätte seinen Dienst getan. Da hagelte es mächtig Protest aus allen Ecken und es wurde beschlossen, diese Sorge den Entscheidungsträgern zu unterbreiten und sich für die Fortsetzung des Dialogs einzusetzen.

Wenige Tage später stand schon fest, dass der Dialog auch im nächsten Jahr weiterbestehen werde.
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by Mark R. Hatlie

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